Medientheorie: Hörer und Zuschauer werden zu Sendern

Aktion NRW von WDR 2

Aktion NRW von WDR 2

Berthold Brecht hat es schon in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gefordert. Radiohörer sollen nicht nur Konsumenten sein, sondern sich aktiv am Programm beteiligen. Heute – 80 Jahre danach – ist seine Radiotheorie aktueller denn je. Hier ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen.

Brecht war es ein Graus: Radiomacher beschallen das Volk, ohne dass die Menschen Einfluss aufs Programm nehmen können. Er wollte Hörer „sprechen machen“ wie er es formulierte.  Heute sprechen Hörer: Zum Beispiel per Mail, mit Kommentaren unter Artikeln, Postings in sozialen Netzwerken oder per Audio via App. Die „Aktion NRW“ von WDR 2 und WDR.de setzt diese neue Form der Hörerbeteiligung innovativ in einem Verkehrsprojekt um.

„Wo stehen Sie immer im Stau?“, der öffentlich-rechtliche Sender sucht nach den nervigsten Staus, dümmsten Ampelschaltungen oder Endlos-Baustellen. Die Hörer können ihre Staupunkte auf einer interaktiven Karte eintragen, andere Hörer können diesen Eintrag liken oder selbst etwas ergänzen.

Aus diesen Einträgen entwickelt der Radiosender Beiträge fürs tägliche Programm. Ein konkretes Beispiel: Ein Hörer beklagt, dass so viele Transporter von Paket-Unternehmen die Straßen blockieren. Er fragt sich, warum die Logistiker nicht auf sinnlose Fahrten, also wenn der Empfänger nicht zuhause ist, verzichten. WDR.de interviewt eine Verkehrsexpertin wie unnütze Fahrten vermieden werden können.

WDR 2 sammelt die Anregungen der Hörer und versucht, die Lösungsvorschläge mit den Behörden vor Ort umzusetzen. So kritisiert ein Hörer, dass ein Stau an einer Ampel von einer falschen Ampelschaltung erzeugt wird. Der Sender wird den Ämtern und Polizeien diese oder andere Beispiele vorstellen und im besten Fall eine Lösung, also hier zum Beispiel eine neue Ampelschaltung, erarbeiten.

Dieses Projekt ist besonders innovativ und in dieser Form neu, da nicht nur Kritik gesammelt wird, sondern daraus klare Handlungsempfehlungen folgen. Das Radio wird zum Mittler bzw. Moderator zwischen Menschen und Behörden. So hatte sich Brecht das vorgestellt, wenn er in seiner Radiotheorie sagt:

„Das Radio wäre ein Kommunikationsapparat, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“

Text: (c) Michael Westerhoff; Bild: (c) WDR

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